Der Internationale Tag der Muttersprache

Muttersprache und Mehrsprachigkeit

Mit dem Begriff Muttersprache wird in der Regel die erste erlernte Sprache bezeichnet. Der Begriff Muttersprache- manchmal auch als Vatersprache bezeichnet - stellt keine wissenschaftliche Definition dar.Muttersprache muss nicht unbedingt mit der Herkunft korrelieren, sondern kann eine Sprache sein, mit der man sich identifiziert oder die man am häufigsten verwendet. Sie kann sich mit den Lebensumständen verändern, so dass die zuerst gelernte Sprache als Muttersprache nicht mehr gebraucht und verdrängt wird. Kinder, die in mehrsprachigen Familien aufwachsen, entwickeln oft zwei oder auch drei Sprachen, die sie als Muttersprachen nutzen.

Materialien zu Muttersprache und Mehrsprachigkeit

Unsere aktuelle Pressemeldung - Muttersprachen gibt es viele – zum Glück!

Seit dem Jahr 2000 wird der Internationale Tag der Muttersprache jährlich am 21. Februar begangen. Laut UNESCO werden heute rund 6.000 Sprachen gesprochen. Der Verband binationaler Familien und Partnerschaften erinnert an die große Bedeutung der (Familien-)Sprachen.

„Wir hören immer wieder von unseren Mitgliedern, dass ihre Kinder ganz selbstverständlich mehrere Sprachen als ihre „Muttersprache“ verstehen und diese sprechen. Meist ist es für diese Kinder ein AHA-Erlebnis, wenn sie in den Kindergarten gehen und „einsprachige“ Kinder kennenlernen“, erklärt Maria Ringler, Referentin für interkulturelle Bildung und Beratung im Verband.

Frau Ringler gibt einen konkreten  Familieneinblick: „So kann es durchaus vorkommen, dass ein Kind aus einer deutsch-iranischen Familie mit seinem Vater nur Farsi spricht. Das andere Kind redet hingegen lieber Deutsch mit seinem Vater. Wenn alle zusammen sind, dann nutzt die bikulturelle Famile häufig zusammen Farsi, vor allem, wenn es um familiäre Themen geht, aber bei Gesprächen rund um die Arbeit oder die Schule wechselt sie ins Deutsche. Und mit der deutschen Oma können sie eloquent auf hessisch babbele – sie hatte viele Jahre zuverlässig die Kinderbetreuung übernommen und den Kleinen immer Geschichten in ihrer Mundart erzählt.“

Für mehrsprachige Familien ist ein solches „Translanguaging“ normal: je nach Situation, Gesprächspartner oder auch nach „Lust und Laune“ nutzen sie unterschiedliche Sprachen. Sie setzen ihr individuelles sprachliches Repertoire in der Regel so ein, um sich ganz pragmatisch in ihrem mehrsprachig organisierten Alltag zu verständigen.

Es gilt nun, eine Übertragung vergleichbarer Situationen auch in den pädagogischen Alltag einzubinden. Es wäre sinnvoll, um für mehrsprachig aufwachsende Kinder Lernwelten und Alltagssituationen zu schaffen, in denen sie ihre Ressourcen wiederfinden und einsetzen können.

„Ich folge da ganz der Sprachwissenschaftlerin Argyro Panagiotopoulou“, erläutert Maria Ringler. „Es braucht Konzepte, mit denen versucht wird, einen alternativen entspannten Umgang mit dem Potential gelebter Mehrsprachigkeit von Kindern und pädagogischen Fachkräften zu ermöglichen. Diese innovativen sprachpädagogischen Konzepte scheinen entsprechen dann auch eher  den Belangen einer globalisierten mehrsprachigen Welt.“

Grundsätzliches zu Mehrsprachigkeit und Muttersprache

Zwei- oder mehrsprachiges Leben in einer sich einsprachig verstehenden Umwelt entwickelt sich nicht von selbst. Mehrsprachige Menschen müssen diese Ressource pflegen, damit daraus für sie eine verfügbare Kompetenz wird.

Deshalb setzen wir uns für die gesellschaftliche Wertschätzung von Mehrsprachigkeit und die Förderung von Familiensprachen ein:

Positionspapier Mehrsprachigkeit ist ein Gewinn

Positionspapier Familiäre Mehrsprachigkeit

Sonderheft Mehrsprachigkeit - iaf-infos

Ein Einblick in gelebte Muttersprache(n)

Lina Siri, Interkulturelle Trainerin

Es fällt mir leicht, mich in unterschiedlichen Sprachen zu bewegen“ Meine Eltern haben eine Migrationsgeschichte, die sie von Thailand über Laos nach Deutschland geführt hat. Meine Großeltern sind ihrerseits aus China nach Thailand ausgewandert und sprechen Chinesisch (Chaozhou-Dialekt). Das war auch die Sprache, die in der Familie gesprochen wurde und dementsprechend sind meine Eltern durch die chinesische, thailändische, laotische und deutsche Sprache beeinflusst. Meine Großeltern haben also mit meinen Eltern, meinem Bruder und mir Chaozhou gesprochen, meine Eltern sprechen miteinander aber Laotisch. Mein in Laos geborener Bruder spricht ebenfalls Laotisch und das ist auch die Sprache, in der sich meine Eltern mit ihm unterhalten.

Ich wurde in Deutschland geboren, mit mir unterhalten sie sich auf Chaozhou und mein Bruder und ich sprechen miteinander Deutsch. Durch den Empfang internationaler Fernsehkanäle lief oft thailändisches und chinesisches (Hochchinesisch/ Mandarin-Dialekt) im Fernsehen. Wenn wir früher Filme ausgeliehen haben, liefen diese auf Mandarin und Kantonesisch. Viele weitere Verwandte sprachen ebenfalls entweder Mandarin oder Kantonesisch. Demnach sind mir Thailändisch, Mandarin und Kantonesisch sehr vertraut. Deutsch habe ich übrigens erst gelernt, als ich in den Kindergarten kam. In der Schule kamen für mich dann noch Englisch, Französisch und zeitweise Spanisch hinzu. Chinesische Schriftzeichen und Mandarin habe ich bewusst erst während meines Auslandsaufenthaltes in Taiwan gelernt.

All diese Sprachen haben mich beeinflusst. Für mich war es keine Besonderheit, dass in unserer Familie so viele Sprachen präsent waren. Die verschiedenen Sprachen habe ich an den Menschen festgemacht. Wenn in unserer Familie oder bei größeren Familientreffen unterschiedliche Sprachen gesprochen wurden, fiel es mir leicht, mich in den unterschiedlichen Sprachen zu bewegen und auch im Sinne von Code-switching zu sprechen.

Lina Siri hat auch beruflich diese Vielfalt weitergeführt. Sie bietet Workshops an und entwickelt Konzepte bei Third Culture Movement www.third-culture.de